2.4 Lernstrategien einüben

2.4_Lernstrategien_einüben_Problemlösefähigkeit

2.4.1 Problemlösefähigkeit

Ausgehend von dem Satz „Leben heißt Problemlösen“ (Karl R. Popper) stellen wir fest, dass in einer immer komplexeren Welt immer höhere Anforderungen gestellt werden. Um in dieser Welt bestehen zu können, muss man in der Lage sein Probleme zu lösen.

Diese Probleme zeigen sich im Beruf, selbst in „einfachsten Berufen“. So stellt bereits der Verkauf eines Autos eine Aufgabe, bei der eine ganze Anzahl von Fähigkeiten (genannt seien hier nur Verkaufspsychologie, Prozentrechnung, Überschlagsrechnung, Sachkenntnis, Vertragsabwicklung und Verhandlungsstrategie) erforderlich ist. Eine Friseurin, die eine Gruppe bei einem Filialisten leitet und dafür 100 DM im Monat mehr verdient als ihre Kolleginnen, muss über Leitungsfähigkeiten verfügen. Sie muss in der Lage sein tabellarische Dienstpläne zu erstellen, sie muss über Grundlagen des Konfliktmanagements verfügen und entscheidungsfähig sein. In immer mehr Berufen wird zudem auf Grund von Organisationsumstellungen Teamarbeit erwartet und es werden die damit verbundenen Fähigkeiten verlangt.

Nicht nur im Managementbereich von Firmen, sondern auch im Handwerk und erst recht bei Selbstständigen sind viele und vielseitige Fähigkeiten gefragt, die weit über die Erledigung von Routineaufgaben hinausgehen. Man stelle sich allein die Aufgabe vor, (auf 630 DM-Basis) eine Caféteria an einer Gesamtschule zu leiten.

Im Alltag stellen sich ebenso komplexe Aufgaben. Familienmanagement erfordert Finanzplanung, Terminplanung, Krisen- und Konfliktlösung, pädagogische Strategien. Die Auseinandersetzung mit Ämtern (Steuererklärung, Vernehmungsprotokolle, BAföG-Antrag) ist manchmal kaum ohne Hilfe zu bewältigen. Kreditabwicklung und Tarifsuche (Klein- und Baukredite, Überziehungskredit, Hypotheken, Strom- und Handytarife, Internetproviderwahl) sind komplex und führen in vielen Fällen zu Überschuldung, weil sie kaum zu beherrschen sind.

Die weitgehend selbstständige Planung des Studiums überfordert manchen Studenten und lässt ihn das Studium abbrechen. Examensarbeiten und Prüfungen sind Projekte, die langfristige Planung erfordern. Die Beschaffung von Informationen für und in Studium und Weiterbildung muss gelernt sein.

4.2.2 Lösen komplexer Probleme

Bei der Aufstellung eines Verlaufs zum Lösen komplexerer Problemstellungen ähnlich dem forschend-entwickelnden Unterrichtsverfahren nach Schmid-Rosenberger ergeben sich fünf Teilschritte.

4.2.2.1 Auswahl und Definition der Aufgabe

Hierzu gehören Aufgabenbeurteilung, Selbsteinschätzung, Menschenkenntnis, Situations- und Terminmanagement, Zielorientierung, Delegationsarbeit und Teamfähigkeit.

Sofern dies möglich ist, kann die Aufgabe selbst ausgewählt oder zumindest bejaht oder abgelehnt werden. So kann beispielsweise eine Steuererklärung, die als zu komplex angesehen wird um sie selbst zu erstellen, an einen Steuerberater weitergereicht werden. Ebenso kann ein Vorgesetzter eine Aufgabe an einen Untergebenen delegieren oder sie an einen Spezialisten weiterreichen.

Dazu muss der Problemlöser in der Lage sein, die gestellte Aufgabe in ihren verschiedenen Aspekten zu beurteilen. Zudem muss er in Bezug auf diese Aufgabe einschätzen, welche Fähigkeiten und Einstellungen er hat (bzw. der, dem er die Aufgabe eventuell übertragen möchte). Er muss zudem die äußeren Bedingungen bedenken, was ein situatives und ein Terminmanagement erfordert. Und er muss unbedingt in der Lage sein, Ziele zu erkennen oder zu setzen, und über das Geschick verfügen Aufgaben aufzuteilen und zu delegieren.

4.2.2.2 Informationsbeschaffung

Hierzu gehören Lesen, Hören, Experimentieren, Beobachten, Befragen, Analysieren, Messen, Betrachten, Demontieren und Diskutieren.

Die Schlüsselrolle im Informationsbeschaffungsprozess übernehmen die Medien. Der Problemlöser muss über Medienkompetenz verfügen. Er muss in der Lage sein sich Informationen aus Zeitungen, Zeitschriften, Fachbüchern, von Fachleuten und Kollegen, aus dem Fernsehen, Rundfunk oder Internet zu verschaffen. Er muss in der Lage sein Objekte zu analysieren, zu demontieren (z. B. Automotoren), Messungen durchzuführen oder durch Beobachtung von Vorgängen Informationen zu sammeln.

4.2.2.3 Informationsaufbereitung

Hierzu gehören Strukturieren, Analysieren, Synthetisieren, Katalogisieren und Abstrahieren.

Der Aufbereitung der gewonnenen Informationen dienen Methoden wie das Anlegen von Sammlungen (Karteikarten, Stichwortsammlung, Anlegen von Ordnern, Tagebücher, Skizzen, Versuchsprotokolle), Darstellung in Tabellen und Übersichten und die Abstraktion in Zeichnungen, Modellbildung, Rechnungen und Formeln.

4.2.2.4 Ausführung der Lösung

Hierzu gehören Handeln, Produzieren, Fixieren, Zeichnen, Merken, Weitergeben, Ausstellen und Aufschreiben.

Das Ergebnis des Problemlöseprozesses ist dann ein fertiges Produkt, ein Arbeitsplan, eine geschriebene Rechnung, ein Abschluss, ein Modell, ein Dienstplan, eine Steuererklärung, ein Referat, eine Klausur, ein geschriebener Artikel oder eine Hausarbeit.

4.2.2.5 Bewertung der Lösung

Im Sinne eines Weiterlernens und einer Verbesserung der Ergebnisse steht am Ende ein Controlling, das dann auf spätere Problemlösedurchgänge einwirkt. Hier geschehen sowohl Selbstbewertung als auch Fremdbewertung. Es wird beurteilt, benotet, kritisiert, prämiert, bei negativer Einschätzung eventuell entsorgt und neu begonnen.

4.2.2.6 Folgerungen für den Unterricht

Aus der oben beschriebenen Gliederung und der zunehmenden Wichtigkeit von Problemlöseprozessen in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft ergeben sich für unsere Schule einige Forderungen:

  • Unterricht muss sich von der Anhäufung von Wissen weg in Richtung auf Beschaffung und Anwendung von Wissen hin bewegen (Erziehung zur Handlungsfähigkeit statt „Nürnberger Trichter“).
  • Des Weiteren muss Unterricht lebensnaher werden: Die Aufgabenkultur in der Schule muss sich den Problemstellungen in Alltag und Beruf, Studium oder Weiterbildung annähern. Dazu muss die oben beschriebene Problemlösungsstruktur Hauptbestandteil des Unterrichts werden. Selbstständigkeit, Zielorientierung, Medien- und Methodenkompetenz, Selbsteinschätzung, Selbstbewertung, Teamfähigkeit und Handlungskompetenz müssen zentrale Bausteine des Unterrichts werden, dem sich die Inhalte unterzuordnen haben.
  • Das Diktat des Stoffes muss der Entwicklung der Problemlösefähigkeit weichen.
  • Schließlich müssen die SchülerInnen diejenigen sein, die im Unterricht handeln, und nicht die LehrerInnen (Handlungsorientierung statt Lehrerzentrierung).